Monatsarchiv für Oktober 2009

Mit der Fahrzeugsicherheit des neuen Opel Astra beschäftigten wir uns lange bevor der erste Prototyp gegen die Wand gefahren wurde – anhand der Finite Elemente Methode im virtuellen Raum. Neben Know-how erfordert das freilich auch ein gutes Abstraktionsvermögen. In dieser Scheinwelt sind nämlich die unfallrelevanten Komponenten und Baugruppen vereinfacht dargestellt. Abgeleitet von den CAD-Daten haben wir es da mit Schalen-, Balken- und Volumenelementen zu tun. Diesen Elementen werden Materialeigenschaften zugewiesen. Im Team kursieren dann verstärkt Begriffe wie Dehnratenabhängigkeit, Bruchversagen, Ausdünnung und Vorreckung.

Simulation des Crashverhaltens beim neuen AstraSobald das Berechnungsmodell steht, können wir damit unterschiedlichste Crashkonfigurationen simulieren – ganz ohne Lärm, Splitter und Staub. Die nötigen Rechenoperationen laufen in der Regel über Nacht. Vor wenigen Jahren mussten dazu teure und raumfüllende Großrechner ran. Heute reicht es, einige Hochleistungs-PC miteinander zu verknüpfen. Die zeichnen den konfigurierten Aufprall Millisekunde für Millisekunde auf. Uns stehen dann Animationen, Beschleunigungszeitverläufe, Kraftkurven, Energiebilanzen etc. zur Auswertung und Optimierung zur Verfügung.

Über den Zeit- und Kostengewinn hinaus werden dank dieser Methode die komplexen Crash-Abläufe nachvollziehbar. Die Animationen erlauben den gezielten Blick hinter die Kulissen. Beispielsweise blenden wir Teile aus, um den Fokus auf andere zu richten, oder wir legen Schnitte durch die Deformationsstellen – vergleichbar mit der Computertomographie beim Radiologen. Der Crash lässt sich in beliebig viele Einzelperspektiven aufteilen. Derart flexible Auswertemöglichkeiten bieten die Onboard-Kameras im Realversuch nicht.

Die Animation deutet an, welche Möglichkeiten die heutigen Berechnungsmethoden bieten: So können wir zum Beispiel die komplexe Kinematik des Vier-Gelenk-Motorhaubenscharniers beim 64 km/h-Offset-Crash vom Motorraum aus betrachten und unsere Schlüsse daraus ziehen.

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Der Moderator ist diese Woche vom Schreibtisch geflohen und nach Dudenhofen gefahren, um sich die Astra-Präsentation anzuschauen, die dort gerade für internationale Journalisten stattfindet. Zu Gast an diesem sonnigen Tag waren Fachmedien aus Schweden und Portugal.

Der passt für alle: Workshop zum Thema Astra-SitzDer Nachmittag ist in Workshops eingeteilt, darunter Chassis, Innenraum-Flexibilität und Akustik, wo Blogger Bernd Winter erklärt, weshalb es im Astra so leise ist. Schön anschaulich ging es beim Thema Innenraum zu, als der weite Verstellbereich der Sitze demonstriert wurde. Unsere Ergonomie-Spezialisten bedienen sich dabei nämlich einer Statistik, die auch in der Modebranche benutzt wird und in der die Körpermaße der Europäer nach Ländern aufgeschlüsselt sind. Demnach sind die Schweden die größten und die Portugiesen die kleinsten Bewohner des Kontinents – die ganze Bandbreite der Zielgruppe bei einem Workshop.

Ohne die kundigen Präsentationen der Kollegen schmälern zu wollen: Den größten Spaß hatten die Journalisten dort, wo die Ahnen des neuen Astra aufgereiht waren, beginnend mit einem A-Kadett aus den 60er Jahren. Der Moderator schlich sich zielgerichtet zu einem weißen spätsiebziger C-Kadett und drehte mit nostalgiefeuchten Händen eine Runde. Mein erstes Auto! Womit auch der wahre Grund für den Dudenhofen-Ausflug enthüllt wäre.

Der schönste Opel aller Zeiten: Kadett C in Dudenhofen Ahnengalerie: Opel-Kompaktklasse in Dudenhofen

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Neben den Erprobungsfahrten, der Validierung und der Simulation spielt bei der Motorenentwicklung das so genannte Packaging bzw. die Integration eine sehr wichtige Rolle. Mit Blick auf unseren 1.7 CDTI lautete die Frage: „Wie bekommen wir 125 Pferde unter die Haube?“

Noch bevor ein Aggregat im SSM, IV oder gar im PPV werkeln kann, müssen die Integrations- und DMU-Ingenieure (digital mock-up) schauen, ob und wie alles in den Motorraum passt. Wichtige Kriterien hierbei sind die Festlegung der Motorlage (Position, Winkel) und die Schnittstellen zu Motor und Getriebe wie Kühlwasser-, Treibstoff-, Strom-, und Reinluftversorgung, Ladeluftanschlüsse, Kabelsatz allgemein, Abgasanlage, Motorlagerung sowie die mechanische Leistungsübertragung. Weitere Stichworte in diesem Zusammenhang: Geräuschabstrahlung, Temperaturgrenzwerte, Druckverlustreduzierung, Service-Zugänglichkeit und Freigängigkeiten auch bei extremen Fahrmanövern.

Integration des 1.7 CDTI in den neuen Opel AstraDas Bild zeigt Karl Ludwig Klingelschmitt, Klaus Frondorf und mich (von links) beim Check der Einbauposition des neuen Turboladers. Wir mussten sicherstellen, dass der Abstand zu anderen Bauteilen auch dann groß genug ist, wenn der Aktuator der Turbinenleitschaufeln arbeitet. Der große Bildschirm hat sich übrigens auch bei der Fußball-WM bewährt…

Der „Rundflug“ um den 1.7 CDTI vermittelt einen Eindruck vom Motor-Puzzle, das wir täglich spielen.

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Bewegender Moment: Gunnar Böhler und ein Teil des Teams beim ersten Probelauf eines Prototypen des 1,4-Liter-Turbobenziners für den neuen Opel AstraDas grüne Licht für die Serienentwicklung des 1.4 Turbo löste im Team Euphorie aus, doch viel Zeit zur Freude blieb nicht, der Erfolgs-und Termindruck wuchs. Die zahlreichen Erkenntnisse unserer Berechnungen sollten unbedingt noch in den Bau der ersten Prototypen mit einfließen, damit die Versuchsingenieure das Triebwerk von Anfang an voll belasten konnten. Unter Missachtung aller Überstundenkonten konnte der Prototypenbau alle Teile gerade noch rechtzeitig liefern – und damit war die erste wichtige Projektphase geschafft. Mit nur zwei Tagen Verzug starteten wir den ersten Prototyp im Beisein des kompletten Entwicklungsteams! Schon ein bewegender Moment, wenn so ein völlig neuer Motor sein erstes Lebenszeichen von sich gibt – unser Baby lebt!

Nun waren wir alle auf die ersten Ergebnisse gespannt. Erfüllt der Motor die hohen Leistungszielwerte? Was macht der Kraftstoffverbrauch? Können wir den Wettbewerb auch in dieser wichtigen Disziplin schlagen? Kann die neue volumenstromgeregelte Ölpumpe wirklich ihre Vorteile ausspielen? Und vor allen Dingen, sind die umgesetzten Versteifungsmaßnahmen auch im harten Dauerlauf ausreichend?

Die Antworten lauteten ja – aber sie waren auch mit Erkenntnissen verbunden, die uns zeigten, wo noch Änderungen nötig waren. Das bedeutete in der Praxis den Umbau von Prototypen, damit alle Entwickler wieder die gleichen Bedingungen hatten. Eine logistische Herausforderung, denn in dieser Phase war die Zahl unserer Motoren bereits auf knapp 100 gewachsen, viele davon schon in Fahrzeugen eingebaut, die für Testfahren überall auf dem Globus unterwegs waren. Aber auf unsere Entwicklungswerkstätten und Lieferanten war Verlass: Unser kleiner Turbo blieb im Plan.

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Der 1.4 Turbo-Benziner mit 103 kW/140 PS Leistung steht beim Astra im Mittelpunkt des Motoren-Interesses. Nicht nur, weil er neu ist, sondern weil wir versprechen, dass er alles besser kann als der 1,8-Liter-Vorgänger. Das gilt sowohl für den Drehmomentverlauf (Maximalwert 15 Prozent besser bei deutlich niedrigeren Drehzahlen) als auch für die Ökonomie (18 Prozent weniger Spritverbrauch; im Schnitt 5,9 Liter auf 100 Kilometer). Bislang kommt er nicht nur bei den Kollegen gut an, auch die ersten Fahrberichte sind erfreulich. Den Vergleich in der Bild-Zeitung von gestern mit dem Wettbewerber aus Wolfsburg konnte der Astra auch dank der Motor-Punkte gewinnen. Die intensive Arbeit, die wir in dieses Projekt gesteckt haben, scheint sich gelohnt zu haben. Wir – das ist das 1.4 Turbo-Team im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum, mein Name ist Gunnar Böhler, ich bin der verantwortliche Ingenieur.

Für uns ging es vor knapp drei Jahren nach der erfolgversprechenden Vorausentwicklungsphase so richtig los. Gefordert war ein hoch aufgeladener und gleichzeitig zuverlässiger Serienturbomotor auf Basis der kleinsten Opel-Motorenfamilie mit sportlichen Leistungsdaten bei gleichzeitig minimalem Kraftstoffverbrauch.

Um diese Quadratur des Kreises zu schaffen, wurde nichts dem Zufall überlassen – ein Entwicklungsteam von knapp 100 Ingenieuren machte sich an die Berechnungs- und Testarbeit. Unter Einsatz neuester Tools prüften wir das Motorkonzept auf Herz und Nieren bezüglich der Anforderungen unter Serienbedingungen. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als mir das Berechnungsteam darlegte, welche Komponenten außerplanmäßig unsere besondere Aufmerksamkeit erfordern würden. Von der arbeitsintensiven Entwicklungsphase hin zur Serienreife möchte ich in meinen nächsten Blog-Beiträgen berichten.

1.4 Turbo für den neuen Opel Astra 1.4 Turbo mit Ladeluftkühler für den neuen Opel Astra

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